Was ist Heimat?
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Was ist Heimat?

By on 12. Oktober 2016

Als ich letzte Woche um kurz vor 5 aufgestanden bin um meine Mitfahrgelegenheit um 6 Uhr an der Horner Rennbahn zu treffen, waren meine Gefühle gemischt. Der warmer Spätsommer fand entgültig sein Ende und ich schleppte meine Gepäck leicht fröstelnd zum Bahnhof. In meinem Kalender stand es dick: „Bayern“. Schon vor zwei Monaten eingetragen, als wäre es ein ganz besonderer Termin. Aber besonders ist es eben auch. Alleine schon, weil ich in den letzten zwei Jahren meine Besuche dort fast an einer Hand abzählen kann.

Bin ich heimatverbunden?

Meine gemischten Gefühle, die ich immer zwischen Hamburg und Bayern habe rühren daher, dass ich auch immer etwas zurücklasse. Egal ob ich vom Süden in den Norden fahre oder umgekehrt. Beide Orte haben eine Bedeutung für mich. Erinnerungen, die ich mitnehme, egal an welchem Ort ich bin. Das Ländliche, in dem ich aufgewachsen bin, die Studienstadt München und die Großstadt im Norden. Die drei Orte könnten wohl nicht unterschiedlicher sein.

In dem Ort bei Nürnberg, in dem ich aufgewachsen bin, freue ich mich über die leckere Küche meiner Oma, die Natur vor der Haustür, die Ruhe und die Zeit mit meiner Familie. Mit München verbinde ich die gute Zeit, die ich dort hatte und die Freunde, die mir heute noch davon geblieben sind. In der bayrischen Hauptstadt steht mir immer eine Tür offen und eine Couch oder ein Bett zur Verfügung. Die Jungs und Mädels aus der Studienzeit und aus dem erweiterten Freundeskreis drumherum wollen mit mir anstoßen, wenn ich nach München ankomme. Und ich mit ihnen.

Und Hamburg ist wohl sowas wie meine Wahlheimat. Die Stadt, in der ich mir schon vor Jahren vorstellen konnte zu leben. Diesen Wunsch habe ich mir vor zwei Jahren erfüllt und ich bereue es nicht. Ich fühle mich sauwohl im Norden. Die Vielfalt an Clubs, Parks und überhaupt schönen Orten lässt mich immer wieder selbst sagen „Nächstes Jahr gehe ich mal wieder öfter aus!“ Ich mag, dass die Stadt schneller und lebhafter ist als München, aber ich mag Ratsherrn genauso wie Tegernseer Helles. Kurz: Ich mag jeden dieser Orte auf seine Art. Kann ich mich also nicht entscheiden oder bin ich einfach nicht heimatverbunden?

Was ist Heimat?

Fränkisches 6000-Seelen-Örtchen, entspannte Stadt vor den Alpen und lebhaftere Stadt an der Elbe – alle fühlen sich vertraut an. Alle fühlen sich nach Heimat an. Ich glaube, dass ich mich sehr wohl entscheiden kann. Dass ich mich dafür entschieden habe, auch an anderen Orten ein Heimatgefühl zuzulassen. Dass ich für mich entschieden habe, Heimat an keinem bestimmten Ort festzumachen. Wie kann es auch anders sein, wenn ich mich mehren Orten ähnlich stark verbunden fühle? Ich glaube du ahnst schon, worauf ich hinaus will: Heimat ist für mich ein Gefühl und kein bestimmter Ort.

Es sind vielmehr Erlebnisse und Erinnerungen, die das Gefühl von Heimat in mir auslösen. Diese Erlebnisse behalte ich im Kopf, assoziiere sie mit einem bestimmten Ort, behält sie bei mir und nehme sie mit. Vor allem positive Erfahrungen erzeugen immer wieder das Gefühl in mir, an einem bestimmten Ort zurückkehren zu wollen. Hege ich so ein Gefühl für einen Ort, bezeichne ich ihn als Heimat. Dadurch gibt es für mich aber eben nicht nur die eine Heimat. Ich habe vielmehr „Heimata“.

Natürlich habe ich eine starke Bindung zum Ort meiner Kindheit. Aber einfach, weil ich dort über Jahre hinweg viel erlebt habe und aufgewachsen bin. Das prägt und verbindet.

Heimat ist für mich nicht nur ein Ort

Entstehen Heimatgefühle also einfach nur, wenn man lange genug an einem Ort gelebt hat? Und entsteht das vertraute Gefühl schneller, je offener man sich einem Ort und den Menschen dort gibt? Ich glaube schon. So sehne ich mich doch immer wieder so sehr nach Neuseeland, dass ich Gänsehaut bekomme. Und halten wir uns mal kurz vor Augen, dass Neuseeland der Ort auf der Welt ist, der so ziemlich am weitesten von Deutschland entfernt liegt. Die Kilometer interessieren also nicht. Es ist die intensive Zeit und die dadurch entstandenen Erfahrungen, die ich an diesem Ort erlebt habe. An einem Ort, an dem man mit wildfremden Menschen sehr schnell enge Bande geschlossen hat.

Heimatgefühl hat für mich also wirklich etwas mit Offenheit zu tun. Dem Ort eine Chance geben, den Menschen und mir selbst. Der Ort muss mir nicht gefallen, aber auch kein Ort auf der Welt hat die Pflicht dazu, mir zu gefallen. Zum Glück gibt es ja genug Städte, Strände, Berge, Wohnzimmer und Bahnsteige die uns als Ort für das Entstehen von schönen Erinnerungen dienen können. Nur loslassen muss ich dann manchmal. Aber etwas zu vermissen bedeutet, etwas gutes erlebt zu haben.

In zwei Wochen sitze ich im Flieger. Auf zu einem neuen Ort, an dem ich vorher noch nie war. Von dem ich mir aber ein bisschen was verspreche und der mich schon Jahre lang reizt. Ein bisschen wie Hamburg also. Dennoch weiß ich, dass ich ziemlich sicher nie an diesem Ort leben werde. Aber das wusste ich von Neuseeland ja vorher auch.

 

 

 

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Oliver Haas
Hamburg

Hi! Ich bin Olli und freu mich sehr, dich auf Wolfsmilch begrüßen zu dürfen! Seit 2015 arbeite ich im Sommer für eine Festivalreihe in Hamburg und im Winter zieht es mich in wärmere Gefielde. Nebenbei begann ich als Freelancer im Webbereich und taste mich nun langsam heran an das Leben, das ich führen möchte. Das Leben als Digitaler Nomade. Also unabhängig mein Geld mit Dingen verdienen, die mir Spaß bringen. Und das nahezu von jedem Ort der Welt aus. Meine Erfahrungen möchte ich hier mit dir teilen. Im "Rucksack" wirst du Artikel und Stories rund ums Reisen und alles was dazu gehört finden. "Laptop" versorgt dich mit Wissen und Anregungen über das Arbeiten als Digitaler Nomade und Freelancer. Und "Rekorder" stellt dir interessante Menschen vor, die etwas gemeinsam haben: Sie alle haben ihr Ding durchgezogen. Tust du das auch?

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