Robert Ehrenbrand
Rekorder

Im Gespräch mit Robert

By on 4. Dezember 2015

Den eigenen Traum leben. Robert Ehrenbrand tut es.

Ein Gespräch über die Familie zu Hause und auf der Bühne, teure Anwälte und Demut.

 

Boysetsfire gibt es jetzt seit gut 20 Jahren, du bist seit 12 Jahren dabei und hast damals während einer laufenden Europa-Tour sehr spontan den Posten des Bassisten in der Band übernommen. Kurz darauf folgte eine Tour in den USA und für dich ein längerfristiger Umzug nach Amerika.

Das klingt zum einen für jemanden, der schon immer sein Geld mit Musik verdienen wollte erstmal wie ein Traum. Auf der anderen Seite aber auch nach unglaublich viel Stress und einer massiven Lebensumstellung. Quasi vom Münchner Roadie zum Bassisten einer weltweit auftretenden Band innerhalb eines Tages. Kannst du ein bisschen beschreiben wie du das hinbekommen hast und wie dieser Umzug in die Staaten verlaufen ist?

Es war wirklich verrückt und hat mich damals mit Anfang 20 in der Tat an meine Grenzen gebracht. Ich erinnere mich noch, dass ich während einem Festivalkonzert der Band kurz nach meinem Einstieg völlig verwirrt und erschöpft in einem Feld neben dem Festivalgelände saß. Torsten von den Beatsteaks nahm mich dann bei Seite und mixte mir einen starken Drink und das half. Damals habe ich noch Alkohol getrunken.

Generell ist zu sagen, dass ich den wahnsinnig schnellen Wechsel vom in Berlin lebenden Roadie und Musiker zum in den USA lebenden Bassisten einer bekannteren Rockband nur hinbekommen habe weil ich bereits damals sehr viel Unterstützer um mich hatte. Meine Eltern und meine Ex-Freundin (die immer noch eine sehr gute Freundin ist) verkauften meine Möbel und zogen für mich aus meiner Berliner Wohnung aus, die ich nie wieder betreten habe da es eben sofort mit Shows in den USA weiterging. Meine wichtigsten persönlichen Dinge haben meine Eltern bei sich in den Keller gepackt. Das war damals wie heute nicht sehr viel, da ich finde, dass unnötige Dinge nur von wichtigen ablenken.

In den USA wartete dann allerdings mit dem Beschaffen des Visums eine ganz neue Herausforderung auf mich, die aber durch Hilfe der damaligen Plattenfirma und eines guten, sehr teuren Anwalts schnell geregelt werden konnte. Und plötzlich wohnte ich im bandeigenen Farmhaus zusammen mit Nathan (Sänger von Boysetsfire) und einem engen Freund. Dort probten wir damals auch.

Am Ende des Tages ist so eine total verrückte Aktion wohl nur möglich, weil mich die 10 Jahre vorher bereits mental auf dieses Ziel unterbewusst vorbereitet haben. Ich wollte tatsächlich seit ich 10 Jahre alt bin nur das Eine: Tourender Musiker werden. Und das gerne in einer Band in dem Land aus der die meisten meiner musikalischen Helden kamen, den USA. Dass es dann so kam ist einerseits verrückt, aber andererseits vielleicht einfach die Antwort des Universums auf 10 Jahre singulären und sturköpfigen Festhaltens an meinem Traum. Das kann jeder für sich entscheiden, ich selbst glaube nicht an Zufälle.

Wie sah dein Alltag in den USA neben den Touren mit Boysetsfire aus?

Anfänglich hatte ich ja weder ein Auto noch einen Führerschein und das Farmhaus lag etwas abseits mitten im Nirgendwo in Delaware. Ich habe mich also völlig auf den Schreibprozess der damaligen Platte The Misery Index eingelassen und das getan was ich damals außerdem noch viel tat: Sport getrieben und viel zu viel getrunken. (lacht) Für ein Fitness-Studio fehlte mir das Auto also bin ich sehr viel laufen gegangen.

Später zog ich dann von Delaware an den Strand von New Jersey nach Asbury Park. Dort hatte ich ab und an typische Musikerjobs zwischen Touren wie zB in einer T-Shirt-Printing-Firma für andere Punkbands oder auf dem Bau. Aber zumeist bin ich gesurft und habe es sehr genossen viel Zeit für mich und die Musik zu haben.

Boysetsfire sind als Band bekannt bei der alle mit Herzblut dabei sind. Ihr verkauft Fair-Trade-Merchandise und habt auch mittlerweile ein eigenes Label. Auch wenn es für die Band heute besser läuft denn je gehe ich davon aus, dass die meisten von Euch nebenbei noch Jobs oder etwas auf die Beine gestellt haben.Ist es dir diesbezüglich wichtig, Menschen aufzuklären, die diese Art von Lebensstil nicht nachvollziehen können oder kritisieren?

Nein, einen Aufklärungsauftrag sehe ich in dieser Hinsicht nicht als meine Aufgabe an. Als wir nach unserer Bandpause wieder zusammenkamen, war jedem von uns wichtig auch neben Boysetsfire berufliche, familiäre und auch musikalische Ziele verfolgen zu können. Die Band war ja lange genug unsere einzige Einkommensquelle gewesen. Was auch gut ging, aber eben nur, wenn man fast das ganze Jahr tourt. Das kam nicht mehr in Frage denn alle von uns hatten mittlerweile Kinder. Wir setzten uns also zusammen und entwarfen sozusagen das „ideale Banduniversum“ und die wichtigsten Punkte hierbei waren Familienfreundlichkeit und völlige musikalische Freiheit. Beides wurde auch so umgesetzt.

Ich selbst hatte in der Bandpause Wirtschaftspsychologie studiert und mich intensiv dem Kampfsport gewidmet. Als die Band wieder zum Leben erwachte musste sie sich in unsere Leben und bestehenden Leidenschaften einfügen als gleichberechtigtes aber eben nicht „alles andere erdrückendes“ Vorhaben.

Alle von uns arbeiten neben der Band Vollzeit und haben andere Projekte. Und das ist gut so, denn es gibt Boysetsfire den notwendigen Raum zu atmen und zu tun und zu lassen was wir wollen. Das geht natürlich nicht, wenn 5 Familien von einer Band abhängig sind. Da muss man schon mal eine Tour machen auf die man grade nicht so viel Lust hat. All das ist bei uns kein Thema mehr. Wir machen wirklich nur Dinge die wir als 100% schön für uns und die Band ansehen. Punkt.

Robert Ehrenbrand
Du bist mittlerweile wieder in München zu Hause, hast Familie hier und hast es auch ein bisschen praktisch, weil Boysetsfire eine große Fangemeinde in Deutschland haben und deshalb häufig hier auftreten. Wie sieht dein Alltag denn jetzt hier aus? Du hast dich ja auch selbstständig gemacht?!

Mein Alltag ist ausgefüllt mit vielen schönen Tätigkeiten und Langeweile kenne ich definitiv nicht. Ich habe einige Jahre als Wirtschaftspsychologe gearbeitet, bin aber mittlerweile auch beruflich wieder bei der Musik gelandet, einfach weil es sich derzeit besser mit der Band kombinieren lässt. Ich arbeite für eine Booking Agentur und baue das dortige Roster in Bezug auf härtere Gitarren-Musik auf und betreue die Online-Promotion für die anstehenden Touren. Auf die lange Sicht werde ich aber schon wieder anknüpfen an die Arbeit als Coach, Trainer und Wirtschaftspsychologe, da ich diesen Bereich unglaublich spannend finde.

Ansonsten habe ich eine wundervolle Ehefrau, 2 Kinder und einen Hund. In meiner wenigen freien Zeit zwischen Familie, Job und Band mache ich sehr viel Sport. Ich boxe (Kick- und Thaiboxen) und bin auch sonst jede freie Minute mit meinem Hund im Park und trainiere. Außerdem betreibe ich mit dem Rapper Roger Rekless einen Podcast zu den Themen Kampfsport und Musik. Wenn dann wirklich noch ein paar Minuten übrig sind meditiere oder lese ich.

Mit einer Familie trägt man als Vater und Ehemann Verantwortung. Das bringt manche Musiker dazu ihrer Band den Rücken zu kehren und sich einen festen Job zu suchen oder nochmal in eine Ausbildung zu investieren. War das damals auch der Grund für deinen einjährigen Ausstieg bei Boysetsfire?

Nein. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich meinen US-Kollegen im Weg stehe, gerade was spontanere Tour- oder Showideen in USA betraf. Ich konnte ja nicht einfach hier weg und spontan über den Atlantik fliegen. Da die Boysetsfire-Mitglieder nicht nur Bandkollegen sondern wie Brüder für mich sind, wollte ich Ihnen in keinster Form hinderlich sein. Daher habe ich die Band gebeten mich zurückziehen zu dürfen, aber es war alles rein freundschaftlich. Aber wie Du siehst können wir einfach nicht ohneeinander und die Band hatte dann nach einem Jahr die Idee zwei Bassisten zu beschäftigen, wobei ich mich mehr auf Europa konzentrieren darf, was eben viel besser in meine Familienplanungen passt. Ein verrückter Entwurf, aber wie gesagt: Bei uns steht im Vordergrund, dass sich alle wohlfühlen und für uns klappt diese Version einfach perfekt. Ich bin nach wie vor sprachlos wie sehr die Band Unwegsamkeiten und auch logistische Probleme auf sich nimmt nur um mich in der Band zu haben. Ich habe Ihnen schon oft geraten sich doch einfach einen US-Bassisten zu holen der einfach alle Shows spielt, aber davon wollen sie nichts hören. Sie sind loyaler als jegliche andere Band die ich kenne. Einer der vielen Gründe warum Boysetsfire mehr Familie als Band sind.

Du wirkst sehr optimistisch und hast anscheinend immer deinen einen Plan verfolgt. Demütig aber zielstrebig. Was sagst du Leuten, die etwas eigenes auf die Beine stellen wollen, aber keinen Rückhalt aus ihrem Umfeld erfahren und sehr verunsichert sind?

Es ist so trivial wie kraftvoll, denn es gibt nur ein wichtigstes Prinzip hierzu: Finde das was Dir von ganzem Herzen etwas bedeutet und folge diesem Ziel ohne Einschränkung. Bleib authentisch, demütig und dennoch selbstbewusst. Und vor allem: Lass Dir nicht reinreden. Keep that PMA. (lacht)

Ich für meinen Teil habe auch einen Riesenschub durch eine tolle Ehe und den Sport erfahren. Das sind die Bereiche die mir die Kraft für meine vielen anderen Projekte geben. Ohne meine Frau und ohne meinen Sport wäre dies alles nicht möglich. Wenn Du etwas wirklich willst, kannst Du es erreichen. Aber denke nicht, dass Dir jemand etwas schuldet oder dass Du eine Abkürzung nehmen kannst. Jegliches Problem auf deinem Weg ist lediglich eine Chance zu beweisen wie sehr Du dein Ziel erreichen willst. Wer aufgibt oder sich beeinflussen lässt der hat es wohl nicht dringend genug gewollt. Das ist ok, aber dann bitte keine Beschwerden im Nachhinein. (lacht)

Vielen Dank für deine Zeit Robert!

Ich habe zu Danken. Hat Spaß gemacht!

Mehr über Robert findest du auf Facebook und Instagram. Den Podcast zusammen mit Roger Reckless gibt es hier.

Das Titelbild ist von Philipp Wulk. Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Robert am Bass wurde von Norman Gosch in Cardiff gemacht.

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2 Comments
  1. Antworten

    Pana

    16. Dezember 2015

    Also, mein Herz für diesen Blog hast du sofort mit diesem Interview gecasht! Interview mit meiner Nr. 1 Band und dann noch gute Fragen! Geiles Ding! *High-Five*

    Liebe Grüße und viel Erfolg Olli!

    Pana

    • Antworten

      Olli

      17. Dezember 2015

      Danke für die warmen Worte, Pana! *High-Five* nach Kiwi-Land!

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Oliver Haas
Hamburg

Hi! Ich bin Olli und freu mich sehr, dich auf Wolfsmilch begrüßen zu dürfen! Seit 2015 arbeite ich im Sommer für eine Festivalreihe in Hamburg und im Winter zieht es mich in wärmere Gefielde. Nebenbei begann ich als Freelancer im Webbereich und taste mich nun langsam heran an das Leben, das ich führen möchte. Das Leben als Digitaler Nomade. Also unabhängig mein Geld mit Dingen verdienen, die mir Spaß bringen. Und das nahezu von jedem Ort der Welt aus. Meine Erfahrungen möchte ich hier mit dir teilen. Im "Rucksack" wirst du Artikel und Stories rund ums Reisen und alles was dazu gehört finden. "Laptop" versorgt dich mit Wissen und Anregungen über das Arbeiten als Digitaler Nomade und Freelancer. Und "Rekorder" stellt dir interessante Menschen vor, die etwas gemeinsam haben: Sie alle haben ihr Ding durchgezogen. Tust du das auch?

Wie ich mich gut und günstig auf meinen Reisen versichere: