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Rucksack

In einem Land voller Gegensätze – Vier Wochen in Nepal

By on 20. Februar 2016

Manchmal ticken die Uhren anders und manchmal stehen sie still

Ich glaube, dass die kleine Maschine der Malindo Air das erste Flugzeug war, das ich durch die Fensterscheiben eines Flughafens aus fotografiert habe. Warum ich den Vogel auf dem Rollfeld knipste, weiß ich nicht mehr. Vielleicht weil er schon etwas betagt aussah und mein Transport in ein fremdes und außergewöhnliches Land war. Wie recht ich doch damit hatte.

Einmal nach Nepal reisen – das wollte ich schon länger. Als ich meinen ersten Backpacking-Trip durch Neuseeland und Australien plante, sollte das Land am Fuße des Himalaya den Abschluss der Reise bilden. Doch die chronische Backpacker-Pleite blieb auch bei mir nicht aus und das Geld reichte nicht mehr für ein weiteres Abenteuer. „Das nächste Mal“, sagte ich mir damals.

Und dann stand ich auf einmal da. Meine Zeit in Nepal begann ich mit ewigem Warten am Kofferband des Flughafens Thribuvan in Kathmandu. Einem staubigen (ja, wirklich!) Gebäude mit Ziegelwänden, dem man die Spuren des Erdbebens an vielen Stellen noch deutlich ansieht. In der kleinen Halle mit den zwei Kofferbändern läuft auf einem LCD-Display ein teuer aussehender Werbespot für ein SAMSUNG-Handy.

Auf dem Weg vom Flughafen zu meiner Unterkunft in der Nähe von Thamel erlebte ich, was es bedeutet, durch eine stockdunkle Nacht zu fahren. Denn Straßenlampen oder sonstige Beleuchtung findet man in Nepals Hauptstadt vergebens. Stattdessen findet man hier und da kleine Feuerstellen am Straßenrand. Feuer ist der Gas-Ersatz, der duch den politischen Konflikt mit Indien herrührt, welches die Treibstoff-Zufuhr für Nepal weitestgehend eingestellt hat. Doch auch am Tag ist die Sicht nicht viel besser, denn Kathmandu ist bekannt dafür, einer der versmogtesten Städte auf der Welt zu sein.

Mein Weg zum Buddhismus

Schuld daran ist vor allem das, für asiatische Großstädte typische Verkehrschaos. Stop and go as its best. Everywhere. At day and night. Hupkonzerte inklusive. Vermeintlich angestaute Aggressionen. Die aber in den meisten Fällen einfach zur Kultur gehört. Man braucht ein bisschen um sich daran zu gewöhnen. Zum Glück verbrachte ich vorher bereits einen Monat in Thailand und fühlte mich dem, zugegeben noch etwas krasserem Kampf auf den Straßen Kathmandus relativ schnell gewachsen.

Nach einer ziemlich kalten Nacht im Elbrus Home, meinem Gästehaus begab ich mich auf die lauten Straßen. Ziel: Etwas die Umgebung erkunden und vor allem eine warme Jacke kaufen. Denn der Januar ist im höchsten Land der Erde mitunter der kälteste Monat. Auf meinem Weg gabelte mich Kassim auf. Ein junge Nepalese und Buddhist, der eine Ausbildung in einer der zahlreichen Thanka-Zeichenschulen Kathmandus macht. Letztendlich verbrachte ich die nächsten vier bis fünf Stunden mit ihm als meinen ganz persönlichen Stadtführer. Wir besichtigten einige kleinere Tempel in Thamel und den dortigen Markt und fuhren mit dem übervollen Bus schließlich zum Bauddhanath, einer der größten und wichtigsten Pilgerstädte für Buddhisten.

Ein paar Kilo Reis und etwas Milch für eine Führung durch Kathmandu

Gegenüber des Tempels wurde ich von einem buddhistischen Mönch gegen eine kleine Geldspende dann schließlich gesegnet. Kaasim ebenso. Mit gesegnetem Haupt zeigte er mir noch seine Zeichenschule und stellte mich einem Freund von ihm vor, der dort ebenfalls Schüler war. Als deutscher Tourist wurde mir dann natürlich freundlich zum Kauf eines der prachtvollen Gemälde geraten. Ich lehnte dankend ab und bevor ich mich von Kaasim verabschiedete, bat er mich für seine Familie noch etwas Reis und für seine kleine Schwester Milchpulver zu kaufen. Wir gingen also zu einem kleinen Shop in der Nähe seines Hauses und ich erwarb ein paar Kilo Reis und eine Packung des calciumhaltigen weißen Pulvers. Er bedankte sich, wir verabschiedeten uns und ich suchte den nächsten Bus zurück in mein Viertel. Kaasim und seine Familie hatten für ein paar Tage etwas zu essen. Ich habe dank ihm etwas von Kathmandu gesehen. Und eine leichte Daunenjacke für einen fairen Preis erstanden, die ich jetzt unter meinem frisch gesegnetem Arm trug.

In Nepal zu reisen erfordert Geduld und die Bereitschaft sich auf etwas einzulassen

Doch ich war nicht nach Nepal gekommen um Klamotten zu shoppen. Schon im November hatte ich mich über Helpx bei Dhruba und seiner Familie als Helfer beworben. Als dann „Hello Olli, Thank you for your email! We would love to have you stay.“ in meinem Postfach landete, war ich richtig happy. Endlich klappt es mit Nepal und mir. Von meinen vier Wochen Aufenthalt in Nepal wollte ich mindestens drei Wochen bei Dhruba in Changu Narayan, einem kleinen Bergdorf in der Nähe von Bhaktapur verbringen. Dort standen Arbeiten für das neue Gästehaus und im Garten an. Sowie ein bisschen „Administration“, also Emails von anderen Helfern und Gästen beantworten. Na das werde ich doch wohl hinbekommen.

Also machte ich mich zu Fuß von Elbrus Home in Richtung Bhaktapur Bus Station auf. Fahrpläne gibt es in Nepal nicht. Genauso wenig wie ausgeschriebene Bushaltestellen. Busse fahren, wenn sie fahren und sie halten dort, wo Leute ein oder aussteigen. Unter uns: Busfahren ist in Nepal ein Erlebnis. In den überwiegend klapprigen Modellen aus den 60er und 70er Jahren passen mehr Leute samt Gepäck als man meinen möchte. Und ist im Inneren kein Platz mehr, steigt man kurzerhand aufs Dach. In Nepal improvisiert man eben.

Mit so einem Bus bin ich dann die 15 Kilometer nach Bhaktapur gefahren, um von dort aus nach Changu Narayan zu wandern. Das war alles total easy-going. Also im wahrsten Sinne des Wortes, denn alle paar Meter hielt der Bus an um Leute rein oder rauszulassen und zweimal auch, um aus mir unerfindlichen Gründen einen mehrminütigen Stop einzulegen. The Notwist sangen derweil „I’m not in this movie“. Doch, Markus. Das ist schon irgendwie wie im Film hier.

Meine erste Wanderung in Nepal

In Bhaktapur angekommen, machte ich mich schließlich mit meinen 20 Kilo am Rücken auf, die 500 Meter Höhenunterschied nach Changu Narayan zu meistern. Ich passierte viele rauchende Schlöte, die zu den Ziegelbrennereien rund um Bhaktapur gehören. Ansonsten ist die Landschaft geprägt von Reisfeldern und kleinen Ansammlungen der typischen, schlichten mehrstöckigen Häuser, von denen jedes zweite einen kleinen Laden im Erdgeschoss besitzt, in dem üblicherweise Zigaretten (auch einzeln), Chips, Instant-Nudeln, Cracker und Softdrinks verkauft werden.

Als mobile Version treffe ich immer wieder Händler, die Obst oder Haushaltswaren auf dem Rücken oder einem alten Fahrrad transportieren und damit rufend durch die Dörfer ziehen. Ein Symbol für die jahrhunderte lange Weigerung Nepals, sich dem westlichen Fortschritt anzupassen. Und ein Symbol dafür, dass in Nepal ein großer Gemeinschaftssinn vorherrscht, in dem jeder seinen Platz finden kann und muss.

25 Tage lang Dal Bhat und wenig Internet

Als ich nach knappen drei Stunden auf Wanderschaft schließlich bei Dhruba und seiner Frau Menuka in der „Village Villa“ angekommen bin, durfte ich direkt meine Helfer-Eigenschaften unter Beweis stellen. Die kleine Enkeltochter hat sich beim Spielen in den Finger geschnitten. Da konnte ich mit dem Pflaster aus meinem Mini-Rettungskoffer und etwas Wasser die Tränen ein kleines bisschen eindämmen.

Trotz meines Einsatzes brauchte ich zwei bis drei Tage um in Changu Narayan wirklich anzukommen. So anders und fremd waren die Lebensweise und vor allem die Lebensumstände in Nepal. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mir am ersten Tag in dem als Weltkulturerbe geschützen Bergdorf nicht sicher war, ob es eine gute Entscheidung war, dort über drei Wochen zu verbringen. Auch im Hinblick auf meine Freelance-Tätigkeiten und der Pflege dieses Blogs. Denn Internet gab es nur wenn es Strom gab. Und „Power“ gab es in unregelmäßigen Abständen für ein paar Stunden am Tag.

Hinterher werde ich sagen, dass es mir sehr gut getan hat, nicht ständig die Möglichkeit zu haben im World Wide Web unterwegs zu sein. Genauso wie ich gelernt habe, bewusster zu essen und meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Die Uhren ticken einfach anders in Nepal. Und manchmal stehen sie auch ganz still.

Vom Holzfällen und Tomaten pflücken

Da die meisten Männer zu der Zeit mit dem Wiederaufbau ihrer eigenen Häuser beschäftigt waren, konnten wir nicht genug Arbeiter für den Bau des Gästehauses aufbringen, weshalb wir nach ein paar Tagen Holzarbeit nur noch ab und an im Gemüsegarten oder in der Küche ein paar Handgriffe machen sollten. Also verbrachte ich die meiste Zeit mit lesen (Der gute Komissar Wallander und auch endlich mal Connis E-Book über ortsunabhängiges Arbeiten), Pläne für mein eigenes Business schmieden, kleinen Spaziergängen oder einen gemeinsamen Tee mit Jonah, einem weiteren Helfer aus England.

Da es dieser Tage sehr kalt war, machte Dhruba an manchen Abenden ein Feuer vor der Küche. Dann kamen die Nachbarn und es wurde laut geredet und gelacht. Manchmal meint man zu verstehen worum es geht. Ich beobachte die lachenden Gesichter und die Gestiken und Mimiken im Feuerschein. Nach ein paar Tagen bin ich vollends angekommen und fühlte mich als Teil der Familie. Und genau das war auch Dhruhas größtes Anliegen. „To learn about how nepali people live.“

Am Feuer traf ich dann zum Beispiel den 19-jährigen Pibin, der mehr über den sportlichen Werdegang von Manuel Neuer wusste als ich. Es ist faszinierend wie sich die Jugend Nepals für internationalen Fußball oder auch nur den FC Bayern begeistern kann. Pibin ist seit 2002 Fan des deutschen Fußballs. „Damals stand noch Oliver Kahn im Tor. Ich mag ihn, er ist lustig. Früher wurde er schnell wütend. Aber je älter er wird, desto ruhiger wird er. Aber Manuel Neuer ist der bessere Torwart.“

Anteilnahme in Kirtipur

Es war ein Dienstag als wir zu Dhrubas Familie nach Kirtipur aufbrachen. Der Cousin war verstorben. Es wurde extra ein Bus angemietet um uns vier Männer und viele Frauen, gekleidet in prachtvollen Sari auf die andere Seite von Kathmandu zu bringen.

Die Frauen führten eine Zeremonie in einem kleinen Haus durch, dem gegenüber ein großer Wellblech-Bau lag. Eine Unterkunft für Erdbeben-Opfer. Als ich dort fotografierte blickte mich eine ältere Frau misstrauisch an. Auf mein „Namaste!“ erwiderte sie nichts. Dagegen waren ein paar junge Frauen sehr gut gelaunt und riefen mir den Gruß zurück. Überall Schutthaufen und halbeingefallene Häuser. Das Bild Kirtipurs war noch stark geprägt von den Erdbeben im Vorjahr. Ein paar Meter die Straße runter war es auf einer Hauswand gesprayt. Das Wort mit dem man diese ganze Misere wohl am besten beschreiben kann. „Fuck“.

Eine Wanderung nach Nagarkot

Ich hatte kein Glück mit dem Himalaya. Wir beide sind uns nicht so recht einig geworden. Beziehungsweise haben wir uns nie so wirklich zu Gesicht bekommen. Daran änderte auch eine 3-tägige Tour nach Nagarkot nichts. Obwohl der Ort bekannt ist für seine perfekte Sicht auf die höchsten Berge der Welt. Stattdessen genossen Dhruba, Jonah und ich die wundervolle Natur und zugegeben auch mal etwas kulinarische Abwechslung gegenüber dem tagtäglichen Dal Baht. Meine nepalesische Pizza im Gasthaus eines Freundes von Dhruba war jedenfalls nicht schlecht.

Unser Gastvater erzählte uns, wie er mit 14 Jahren Postkarten an Aussichtspunkten in Nagarkot verkauft hat. „Was wir vor Postkarten und geführten Trekks verkaufen ist unser Lächeln. Das ist, was wir Leute aus Nepal am besten können.“

Dhruba und Menuka heirateten ein Jahr darauf. Er war damals 15 und sie 13 Jahre alt. Ich glaube, dass beide nicht unterschiedlicher sein können. Dhruba ist zum einen ein Grübler, der sich verständlicherweise viele Gedanken über die Zukunft seines Gästehauses und die Bildung seiner Kinder macht. Sein ältester Sohn studiert Jura, die Tochter soziale Arbeit. Menuka besitzt ein sanftes Gemüt, aber gleichzeitig dirigiert sie mit Bestimmtheit den Tagesablauf der Familie. Auch wenn Dhruba hin und wieder versucht, den Ton anzugeben. Meistens endet das aber dann in herzlichem Lachen auf beiden Seiten.

Abschied und letzte Tage in Bhaktapur

Meine Zeit in Nepal verging schneller als erwartet. Ich genoss die Ruhe und Gelassenheit mit der man in Changu Narayan lebt. Ich glaube, dass ich etwas mehr über mich gelernt habe. Es ist heilend manchmal an einem völlig fremden Ort zu verweilen. Man fängt an, sich mit Dingen auseinanderzusetzen für die im sonst so hektischen Leben doch oft kein Platz ist.

Ein paar Tränen vergoss ich an dem Freitag, als ich Dhruba und Menuka umarmte. Am Tag davor durfte ich noch eine Klasse in Geografie an der hiesigen High-School unterrichten. Ich nahm Europa durch. Wieder war Fußball der gemeinsame Nenner. Und das Eis war spätestens gebrochen, als mein auf die Tafel gezeichnetes Großbritannien eher einem Penis glich. Was haben die vorher doch so schüchternen Mädels in der ersten Reihe gekichert.

In Bhaktapur verbrachte ich noch zwei angenehme und, bis auf ein kleines Erdbeben sehr ruhige Tage und genoss die prachtvolle Altstadt, die ebenfalls eines der vielen UNESCO-Weltkulturerbe in Nepal darstellt. Am letzten Tag kam mich Jonah besuchen, wir aßen nepalesichen Joghurt, wanderten durch die Straßen und verabschiedeten uns schließlich drei Stunden, bevor mein Flug nach Indonesien ging. Er wird noch ein paar weitere Wochen in Nepal verbringen. Unter anderem um den bekannten Annapurna Circuit, eine Trekkingroute im westlichen Himalaya zu laufen.

Es gibt sicher noch so viel mehr über dieses beeindruckende Land zu berichten. Immer noch zehre ich von dieser Erfahrung und ich bin mir sicher, dass ich in den nächsten Jahren noch einmal dorthin zurückkehren werde. Alleine schon um Dhruba und Menuka zu besuchen. Und um endlich Berge zu sehen. Und das nepalesische Lächeln. Denn das bekommt man bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit zu sehen.

Du möchtest auch in Nepal reisen und gleichzeitig arbeiten?
Dann guck doch mal bei helpx oder workaway vorbei.

Die YouTube-Serie zu meiner Reise durch Asien findest du hier. Über meine Zeit in Nepal berichte ich in Teil 8 bis 10.

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Oliver Haas
Hamburg

Hi! Ich bin Olli und freu mich sehr, dich auf Wolfsmilch begrüßen zu dürfen! Seit 2015 arbeite ich im Sommer für eine Festivalreihe in Hamburg und im Winter zieht es mich in wärmere Gefielde. Nebenbei begann ich als Freelancer im Webbereich und taste mich nun langsam heran an das Leben, das ich führen möchte. Das Leben als Digitaler Nomade. Also unabhängig mein Geld mit Dingen verdienen, die mir Spaß bringen. Und das nahezu von jedem Ort der Welt aus. Meine Erfahrungen möchte ich hier mit dir teilen. Im "Rucksack" wirst du Artikel und Stories rund ums Reisen und alles was dazu gehört finden. "Laptop" versorgt dich mit Wissen und Anregungen über das Arbeiten als Digitaler Nomade und Freelancer. Und "Rekorder" stellt dir interessante Menschen vor, die etwas gemeinsam haben: Sie alle haben ihr Ding durchgezogen. Tust du das auch?

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